Und plötzlich ist alles anders …

Miteinander reden über diese ungewöhnliche Situation hilft: Dörthe Timm, Mitarbeiterin der Tagesförderstätte Trebiz, im Gespräch mit einem Klienten - Foto: Axel Nordmeier
Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas – Foto: Boris Rostami Rabet

Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor einem halben Jahr einem Menschen erzählt, wie Ihr Leben im Frühjahr 2020 aussehen würde und dabei Ihren jetzigen Alltag beschrieben? Vermutlich hätte man Sie für verrückt gehalten oder zumindest gefragt, welchen schlechten Film Sie gerade gesehen hätten. Aber es ist nicht zu leugnen, dass unser aller Leben sich unglaublich verändert hat und keiner seriös voraussagen kann, was noch kommen wird. Dass dies nicht nur unser persönliches Umfeld betrifft, nicht nur unsere Region, nicht Halt macht in unserem Land oder auch Europa, macht das Ausmaß noch erschreckender. „Pandemie“ – das heißt eigentlich „alle Völker (betreffend)“. Es ist also ein anderes Wort für „global“.

Je nach Zeitrechnung zählen wir in Deutschland inzwischen Woche 10 seit Beginn der spürbaren Veränderungen und Einschränkungen durch die Corona-Pandemie und immer mehr Menschen, gerade auch in der Stiftung Alsterdorf, haben den dringenden Wunsch, langsam zu einer – wie auch immer zu denkenden – „Normalität“ zurückzukehren. Die Zahl derer wächst, die signalisieren: Wir müssen uns darauf besinnen, was die bisherige Krise mit uns gemacht hat, was wir in ihr schon jetzt lernen konnten und wie wir uns auf eine Zukunft vorbereiten, von der wir sicher bisher nicht mehr wissen, als dass sie kommt. Bei allem Risiko zu irren, bleibt daher der Versuch, Antworten auf diese Fragen zu finden, alternativlos.

Ich will beginnen mit einem Blick zurück. Zu Beginn der Krise, als viele noch diskutiert haben, ob und wie uns ein epidemischer Herd in einer bis dahin noch nie gehörten Provinz in China betreffen würde, haben in der Stiftung häufig die das Heft des Handelns in die Hand genommen, die die Gefahren als sehr groß und ernstzunehmend eingeschätzt haben. Rückblickend haben wir dadurch Wochen des Vorsprungs gewonnen, in denen Krisenszenarien und Situationen vorgedacht und vorbereitet wurden. Glücklicherweise sind unsere schlimmsten Befürchtungen bisher nicht eingetreten. Dort, wo dann in Einzelfällen von Erkrankungen von Klientinnen oder Mitarbeitenden zu reagieren war, zeigte sich aber, dass die Stiftung durch die gründliche Vorbereitung schnell menschengerechte Lösungen entwickelt hat. In einer sonst häufig nicht bewussten Klarheit wurde offensichtlich, was es wert ist, wenn unterschiedliche Kompetenzen unter einem Dach sind und so schnell Hand in Hand arbeiten können: Die Wohneinrichtungen waren vorbereitet und verfügten über klare Abläufe und Stufenpläne. Erkrankte Menschen mit Behinderung konnten im eigenen Krankenhaus behandelt werden, welches auf die Versorgung von Patienten mit Unterstützungsbedarf spezialisiert ist. Überforderungen oder auch Unterversorgung, z. B. mit Masken und Desinfektionsmitteln, konnten durch das schnelle Einspringen von Mitarbeitenden und ein gemeinsames Vorgehen aufgefangen werden. Kommunikations- und Entscheidungswege wurden der Erfordernis angepasst, dass häufig täglich auf neue Erlasse und Informationen zu reagieren war. Daher möchte ich an dieser Stelle einmal auch meinen ganz persönlichen Dank aussprechen, da ich selbst in Krisen immer zu extremer Gelassenheit neige. Dank nicht nur für den täglichen Einsatz, sondern auch die klare und entschlossene Hellsichtigkeit, alles Erdenkliche für Gesundheit und Leben schon frühzeitig zu erkennen und umzusetzen.

Neben der täglichen Organisation einer neuen, unbekannten Situation rückten zusätzlich weitere Herausforderungen in den Fokus – auch die ökonomische Zukunft der Stiftung muss ständig neu betrachtet und bewertet werden. Denn nicht alle unsere Angebote fallen unter die Rettungsschirme der erfreulich schnell auf den Weg gebrachten Gesetze. Auch erhöhte Kosten für eine weiterhin bestmögliche Arbeit mit unseren Klientinnen müssen wir einplanen. Daher haben wir unseren Corona-Hilfsfonds ins Leben gerufen und sind schon jetzt dankbar für die Unterstützung, die wir erfahren. Wir sind der Meinung: Schwarz sehen und rot(e Zahlen) schreiben – das wäre die schlimmste Kombination in dieser Zeit gewesen. Beides konnte bisher vermieden werden. Düstere Horrorszenarien oder Verschwörungstheorien hätten keinem geholfen und glücklicherweise geriet die Stiftung auch noch nicht in eine ökonomische Schieflage. Allerdings – und das macht mich wie viele in der Leitung zutiefst unzufrieden – haben wenige Unternehmensteile Kurzarbeit beantragen müssen, in einigen Fällen mit schweren und unhaltbaren Zumutungen für Mitarbeitende. Wir werden und müssen hier an einer Lösung arbeiten!

Schriftliches Abitur in der Bugenhagenschule Alsterdorf – Gymnasialleiter Jörg Münch mit Maske – Foto: Jörg Münch

Wenn im hektischen Arbeitsalltag in der Stiftung eines deutlich wurde, dann war es der zupackende Geist von Solidarität. Überall wurden bestmögliche Lösungen für Klient*innen gesucht und mit viel Mut neue Ideen umgesetzt. Überall konnte man sich darauf verlassen, dass Mitarbeitende allen Widrigkeiten zum Trotz zusammengerückt sind und gemeinsam gehandelt haben. Praktisches Miteinander war und ist die Stärke dieser Stiftung und stellt das Webmuster auch für die Zukunftsgestaltung dar.

Gedenken an die Opfer der Euthanasie ganz anders: ohne Gäste – aber mit der Möglichkeit, im Livestream dabei zu sein – Foto: Berndt Rytlewski

Was die Stiftung aber auch immer ausgezeichnet hat, ist die hellsichtige Wachsamkeit für mögliche Fehlentwicklungen. Während der Corona-Pandemie haben wir den 8. Mai im 75. Jahr der Befreiung Europas von dem Nationalsozialismus in ganz anderer Form begangen. Der Opfer der Euthanasie zu gedenken hatte für uns nie den Schwerpunkt des rückwärtsgewandten Schuldeingeständnis. Wir sehen zurück, um den Blick für die Zukunft klar zu bekommen. Wie viel tiefer haben wir dies in diesem Jahr gespürt. Keiner hätte sich vorstellen können, dass wir so plötzlich die Aussetzung fundamentaler Grundrechte erleben würden. Grundrechte sind nicht die Girlanden von Staatsfeierlichkeiten, nicht das Ackerfeld von Philosophen und Rechtsgelehrten – sie sind das Schwarzbrot unseres alltäglichen Miteinanders.

Vielleicht, weil ich in Schweden gelebt habe, habe ich mit bewundernder Skepsis auf den dortigen Versuch gesehen, auf eine unbekannte Herausforderung vor allem mit dem Appell zu persönlicher Verantwortung und umsichtiger Rücksichtnahme auf die besonders Betroffenen zu reagieren. Schweden ist natürlich nicht Deutschland und überhaupt: Wir haben keinen Grund, mit Gefühlen der Unter- oder Überlegenheit auf andere Länder zu schauen. Solidarität ist auch hier gefragt, nicht engstirnige Abgrenzung. Aber wir haben in Deutschland gute Gründe, einen intensiven Austausch zu den gültigen Grundwerten alltagsbezogen zu führen. Denn nicht umsonst steht der Schutz der Gesundheit so prominent im Grundgesetz; vorgeordnet ist nur die Würde des Menschen, die in jeder Grundrechtsumsetzung und -einschränkung bewahrt werden muss. Hier liegt definitiv eine Aufgabe für uns als Stiftung mit klarer Wertebindung. Es stimmt: In der Krise ist alles anders – aber das gilt definitiv nicht für die Leitwerte unseres Handelns.

Diese Gewissheit brauchen wir als Grundlage allen Handelns. Dann kommen all die wichtigen Fragen: Was hat uns in der Krise zu langsam gemacht? Welche Strukturen in unserer Organisation haben sich bewährt, welche nicht? Wo ist in unserer Zusammenarbeit etwas aufgeblitzt und gelungen, was wir nicht vergessen dürfen? Wir werden an diesen Fragen auf allen Ebenen arbeiten und wir gehen davon aus, dass die richtigen Antworten immer wieder aus dem Zuhören und dem Austausch entstehen werden.

In der Theologie gibt es eine Unterscheidung, die ich sehr mag: die zwischen Sicherheit und Gewissheit. Krisen machen bewusst, wie schnell sich Sicherheiten zerlegen können. In Krisen merkt man aber auch, auf was und auf wen man sich verlassen kann. Aus und auf diesem Grund können wir mit Zuversicht in die Zukunft sehen, auch wenn plötzlich alles anders ist.