Luise Schwarzer

„Ich glaube an das Universum“

Luise Schwarzer wohnt heute in einer kleinen Wohnung in Eppendorf und organisiert ihren Alltag nach ihren Vorstellungen. Die 84-Jährige hat auch andere Zeiten erlebt und möchte von ihren Erfahrungen berichten. 1939 kam die damals Dreijährige in die Alsterdorfer Anstalten. Der Psychologe Dr. Michael Wunder, Leiter des Beratungszentrums Alsterdorf, hat sie als Zeitzeugin befragt.

Der Start ins Leben war für sie alles andere als leicht. Als sie am 13. Juli 1936 geboren wurde, hatte ihre Mutter bereits eine Tochter und einen Sohn. Die alleinerziehende Mutter war mit der Situation überfordert. Die kleine Luise kam im Alter von wenigen Monaten auf die Säuglingsstation nach Harburg, am 9. August 1939 wurde sie an die Alsterdorfer Anstalten weitergereicht.

Etwa zeitgleich begannen die nationalsozialistischen Machthaber durch Ärzte und Hebammen damit, Kinder mit Behinderung auszusortieren und dann später ermorden zu lassen. In Alsterdorf hatte Luise erst einmal Glück: Zwei Geschwister, die beide als Pflegerinnen arbeiteten, kümmerten sich um das Mädchen und nahmen es an Weihnachten sogar mit zu sich nach Hause.

Erinnerung an die Alsterdorfer Anstalten

Die aggressive gesellschaftliche Stimmung der NS-Zeit zeigt sich auch in den damali­gen Alsterdorfer Anstalten: „Essensentzug war bei Schwester Marie Müller* noch eine geringe Strafe, wenn die Kinder vor dem Frühstück ihre Kämme und Taschentücher nicht vorgezeigt hatten. Für kleine Vergehen prügelte sie ihre Schutzbefohlenen, und wenn diese schrien, schlug sie noch heftiger zu“, beschreibt Luise Schwarzer das damals Erlebte. Die Schwester, die von 1922 bis zu ihrem Tod 1962 in der Anstalt arbeitete, verkörperte die Beständigkeit autoritärer Er­ziehungsstile ziemlich perfekt. Luise Schwar­zer erinnert sich an ihre Zeit im Wohnhaus Im Fichtenhain: „Müller hat mich mit der Schutzjacke an einen Stuhl gebunden und ins Gesicht geschlagen.“ „Schutzjacke“ war die damals übliche, schönfärbende Bezeichnung für „Zwangsjacke“.

Eine positive Wendung

Viel später, an einem sonnigen Tag im Jahr 1951, nahm das Leben von Luise Schwarzer eine positive Wendung: Eine Lehrerin bemerkte die Striemen an Luises Beinen, die von Müllers Schlägen stammten. Sie regte an, dass ein Arzt ihre Fähigkeiten prüfte. „Ich musste schreiben und rechnen. Und ich habe ihm erklärt, dass man aus Grün und Blau Türkis mischen kann.“ Damit konnte sie einen kleinen Teil ihrer Fähigkeiten unter Beweis stellen.

„Sie ist eine der besten Schülerinnen der Klasse“, heißt es in einer Notiz der Schule“

Obwohl sie in den Alsterdorfer Anstalten viel Leid erfahren hat, erinnert sich Luise Schwarzer auch an Positives. Mit ihrer Lehrerin an der „Anstaltshilfsschule“ habe sie sich „wunderbar verstanden“. Sie lernte gerne. „In ihren schriftlichen Arbeiten in Deutsch ist sie eine der besten Schülerinnen der Klasse“, heißt es in einer Notiz der Schule vom September 1951 in einer damaligen Akte. Am 16. April 1952 zog die 15-Jährige ins Jungmädchenheim Prisdorf nahe Pinneberg. Die Näh- und Hausarbeiten, mit denen sie sich dort beschäftigte, lagen ihr.

Arbeit auf Bauernhöfen

Ihre Stationen nach dem Aufenthalt im Jungmädchenheim Prisdorf – sie war noch unter 18 – waren zwei Bauernhöfe in Niedersachsen. Der zweite und kleinere von beiden war in Hittfeld, kann sich Luise Schwarzer noch erinnern. Sie musste morgens um vier Uhr aufstehen, die Kühe melken, den Garten umgraben. „Die Arbeit war zu schwer für mich.“ Doch die Bauern hielten sie für faul. Sie wurde ins Durchgangsheim für Mädchen Am Schwanenwik an der Alster gebracht. Danach schaffte sie den Start ins selbstständige Leben außerhalb von Heimen und Einrichtungen.

Dr. Michael Wunder
Dr. Michael Wunder
Luise Schwarzer
Luise Schwarzer

Im Gespräch mit Dr. Michael Wunder berichtet Luise Schwarzer eindrücklich von ihren Erlebnissen. Fotos: Axel Nordmeier

Eigenes Leben in Eppendorf

39 Jahre lebte Frau Schwarzer in Eigenregie in einer Dachwohnung in der Geschwister-Scholl-Straße in Eppendorf. Parallel hat sie immer gearbeitet: etwa im damaligen Elisabeth-Krankenhaus im Schanzenviertel, im Kopierwerk in Ohlstedt, wo sie Filme geschnitten hat, oder als Angestellte in der Baubehörde. Und sie fand Kontakt zu freundlichen Nachbar*innen in ihrem Quartier, die auch mal halfen, wenn die Jalousie oder die Lampe defekt war. „Ich fühlte mich dort sehr wohl“, so erinnert sie sich.

Heute wohnt sie in einer seniorengerechten Wohnung in der Tarpenbekstraße. Unterstützung erhält sie bei Vertragsangelegenheiten von einer gesetzlichen Betreuerin. Zu Alsterdorf hatte sie lange keinen Kontakt. „Das negative Gefühl ist geblieben.“ 13 Jahre Erziehung im Namen des Evangeliums haben ihr jede Religiosität ausgetrieben: „Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an das Universum. Jeder Mensch ist unter einem bestimmten Stern geboren. Vielleicht war meiner nicht so gut“, stellt sie im Gespräch mit Michael Wunder fest.

2020 hat die Stiftung Anerkennung und Hilfe Luise Schwarzer für das erlittene Unrecht in Heimen der Behindertenhilfe mit einer Zahlung entschädigt, was sie „wahnsinnig gefreut“ hat. Freund*innen hat die kontaktfreudige Rentnerin auch gefunden. Eine ihrer besten lernte sie im „Fröhlichen Reisball“ in Eimsbüttel kennen, einem Naturkostladen mit Mittagstisch und einer ihrer Lieblingsorte. Auch wenn es von ihrer Wohnung nach Eimsbüttel weit ist – Luise Schwarzer macht sich gerne auf den Weg, um in „ihrem Bioladen“ Menschen zu treffen, die ihr nahestehen.


››› Info

Stiftung Anerkennung und Hilfe Betroffene, die als Kinder oder Jugendliche in der Zeit von 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. von 1949 bis 1990 in der DDR in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben und die heute in Hamburg wohnen, können sich bis zum 30. Juni 2021 (die Frist ist wegen der Corona-Pandemie noch einmal verlängert worden) bei der Anlauf- und Beratungsstelle im Versorgungsamt Hamburg melden:

Anlauf- und Beratungsstelle der „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ im
Versorgungsamt Hamburg
Adolph-Schönfelder-Straße 5
22083 Hamburg
Telefon: 040 428 63 71 71 (Mo.–Fr. 7–19 Uhr)
E-Mail: stiftung-anerkennung-hilfe@soziales.hamburg.de